unter Mitarbeit von: Elma Avdic, Petimat Ismailowa, Isabella Mauerhofer, Jasmin Naghmouchi (5N BG/BRG St. Pölten)

Eingriffe des Menschen in Flusslandschaften

Flusslandschaft – ein Begriff, der  eine natürliche Landschaft bestehend aus dem Fluss und einer durch regelmäßige Hochwässer geprägten Auenlandschaft beschreibt. Heute sind die meisten Flüsse Österreichs durch Regulierungsmaßnahmen in ein enges Korsett gezwängt. Der Kontakt zur angrenzenden Landschaft ist selten, oft nur im Fall größerer Hochwasserereignisse – so genannter Jahrhundert- oder Katastrophenhochwässer,  gegeben. Vor den systematischen Engriffen gab es an den 53 größten Flüssen Österreichs eine potentielle Überflutungszone, jene Fläche die unter natürlichen Bedingungen, ohne menschliche Eingriffe vom Menschen, überflutet worden ist, von ca. 4750 km². Heute weisen davon nur mehr 24% Waldbedeckung auf, wobei lediglich 15% Auwälder mit regelmäßigen Überflutungen sind. 70% der Flächen im natürlichen Überflutungsraum werden heute landwirtschaftlich genutzt: 27% sind Grünlandflächen, 32% sind Ackerland, 11% entsprechen sonstigen landwirtschaftlichen Nutzungen. Weitere 6% der Flächen sind Siedlungen und Industrieanlagen (vgl. Muhar et al., 2004).
Warum wurden die ursprünglichen Flusslandschaften vom Menschen so gravierend verändert und in welchem Zeitraum ist das passiert? Erste Eingriffsformen gab es schon vor mehreren tausend Jahren; beispielsweise sind aus der Zeit der frühen Hochkulturen in Mesopotamien und Ägypten Maßnahmen zur Wasserentnahme für den Ackerbau dokumentiert (vgl. Koppe, 2003). Auch von österreichischen Flüssen sind unterschiedliche Eingriffe seit dem Mittelalter bekannt. Diese beschränkten sich allerdings meist auf lokale Nutzungen, wie beispielsweise Mühlen oder kleinere Schutzbauten. Der endgültige Wandel zu Fließgewässern, wie wir sie heute kennen, passierte aber hauptsächlich durch weitreichende Hochwasserschutzmaßnahmen seit Mitte des 19. Jahrhunderts und die umfassende energiewirtschaftliche Nutzung im 20. Jahrhundert. Parallel dazu wurden die ehemaligen Auenlandschaften vermehrt für Siedlungen und Verkehrswege sowie für intensive Landwirtschaft genutzt (vgl. Egger et al., 2009).

Eingriffe und Nutzungen an der Traisen

An der Traisen standen die Eisenverarbeitung und Wasserkraftnutzung in engem Zusammenhang. Wasserkraft war eine wichtige Basis für die ökonomische Entwicklung an der Traisen. Zu den ältesten nachgewiesenen Mühlen Österreichs zählen Anlagen an der mittleren Traisen bei Oberwagram aus dem 12. Jahrhundert. Aufgrund der unregelmäßigen Wasserführung der Traisen wurden oft Mühlbäche, für einzelne oder mehrere Mühlen hintereinander, errichtet (vgl. Egger et al., 2009). Das obere und mittlere Traisental waren wichtige Regionen der Eisenverarbeitung. Lilienfeld bildete das wirtschaftliche Zentrum mit mehreren Unternehmen überregionaler Bedeutung. Im Unterlauf war St. Pölten vor allem wegen der guten Anbindung an das Bahnnetz (Westbahn ab 1858, Südbahn ab 1877, Franz-Josefsbahn ab1885) zentraler Industrie- und Gewerbestandort. Mit zunehmendem Ausbau der meist direkt am Gewässer liegenden Betriebsgebiete wurden die regelmäßigen Überschwemmungen zu einer immer größeren Gefahr. Erste Pläne für einen systematischen Hochwasserschutz gab es daher schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Es sollte allerdings bis 1904 dauern, bis mit den Bauarbeiten begonnen wurde (Ende der Bauarbeiten 1913). Ziel dieser Regulierung war vor allem die Industriebetriebe an den Mühlbächen und besonders gewässernahe Orte, wie z.B. Einöd, zu schützen. Über weite Strecken wurde die Traisen in ein Trapezprofil mit einer Regulierungsbreite zwischen 42 und 50 Metern gezwängt, alte Nebengewässer wurden mit Kiesmaterial aufgefüllt. Um die Gewässersohle zu stabilisieren wurde mit insgesamt 60 Sohlstufen das Gefälle der Traisen reduziert. Durch ein Hochwasser im Jahre 1921 wurden diese Schutzmaßnahmen fast vollständig zerstört. Bis 1930 wurde ein Teil wieder in Stand gesetzt und die Schutzbauten wurden für ein 30 jährliches Hochwasser ausgebaut. Weitere Teilstrecken wurden erst nach dem 2. Weltkrieg fertiggestellt. Als Folge des Hochwassers 1959 wurden Pläne gefasst, die Traisenregulierung für den Abfluss eines 100 jährlichen Hochwassers auszubauen. In St. Pölten wurden letzte Abschnitte dieses Ausbaus erst 1996 während der Errichtung des Regierungsviertels abgeschlossen (vgl. Haidvogl, 2008).

Entwicklung der Landnutzung in St. Pölten

In Abbildung 1 soll am Beispiel eines Vergleichs der Landnutzung zwischen 1870 und heute im Raum St. Pölten die Entwicklung der Nutzung einer Flusslandschaft gezeigt werden.

Abbildung 1: Entwicklung der Landnutzung in St. Pölten. Quellen: Eberstaller et al. 2004, Fraiss 2004, Haidvogl 2008

Entwicklung der Landnutzung in St. Pölten - 1870

Landnutzung in St. Pölten – 1870

stp1930

Landnutzung in St. Pölten – 1930

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Landnutzung in St. Pölten – 1960

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Landnutzung in St. Pölten – 1980

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Landnutzung in St. Pölten – 2000

 

 

 

 

 

 

 

 

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Legende

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Im Jahr 1870 befand sich kein Gebäude in der Nähe der Traisen. Nur einige Gebäude an Mühlbächen zur Nutzung der Wasserkraft sind erkennbar. Zwischen 1870 und 1930 fand eine erste Ausdehnung der Siedlungsflächen an den äußeren Rändern des Abflussbereichs eines 100 jährlichen Hochwassers statt. Außerdem kann man die Veränderungen im Flussverlauf der Traisen durch die erste Traisenregulierung (1904-1913) erkennen. Im Zeitraum von 1930 – 1960 wurde der Überflutungsraum vermehrt durch Kleingartensiedlungen bebaut. Dauerhafte Wohnhäuser wurden erst später errichtet. Bis 1980 erfolgte diese Bebauung hauptsächlich am linken, zentrumsnahen Ufer, danach auch am rechten Ufer. Im Jahr 2000 war schließlich beinahe der gesamte Überflutungsraum verbaut, nur noch ca. 25% unbebaute Grünland- und Waldflächen blieben im Abflussbereich des 100 jährlichen Hochwassers frei (vgl. Haidvogl, 2008).

 Regulierungen und Wasserkraft an der Traisen heute

Die Traisen befindet sich aktuell in einem, über weite Strecken, schlechten morphologischen Zustand (siehe Abbildung 2). Gründe dafür sind vielfältige morphologische Belastungen. Die Abbildungen 3, 4, und 5 zeigen im  Rahmen der Ist-Bestandsanalyse 2013 erhobene Belastungen durch Querbauwerke, Restwasser- und Staustrecken (vgl. BMLFUW, 2014). Im  Traisen Einzugsgebiet sind 469 unpassierbare Querbauwerke registriert, die meisten davon dienen dem Hochwasserschutz (273), ein weiterer großer Anteil sind Wasserkraftanlagen (136) (siehe Abbildung 3). Flussab der Gemeinde Traisen wird nahezu durchgehend Wasser aus dem Hauptfluss ausgeleitet (Restwasser – Strecken) (siehe Abbildung 4). Abbildung 5 zeigt die Staue, die sich im Unterlauf größtenteils in den Mühlbächen befinden, in den Oberläufen gibt es auch Stau – Strecken im Hauptfluss.

Abbildung 2: Morphologischer Zustand im Traisen Einzugsgebiet

Abbildung 2: Morphologischer Zustand im Traisen Einzugsgebiet

Querbauwerke im Traisen Einzugsgebiet

Abbildung 3: Querbauwerke im Traisen Einzugsgebiet

Restwasser-Strecken im Traisen Einzugsgebiet

Abbildung 4: Restwasser-Strecken im Traisen Einzugsgebiet

Stau-Strecken im Traisen Einzugsgebiet

Abbildung 5: Stau-Strecken im Traisen Einzugsgebiet

Quellen:

Egger, G., Michor, K., Muhar, S., Bednar, B. (Hrsg.) 2009: Flüsse in Österreich. Lebensadern für Mensch, Natur und Wirtschaft. Studienverlag. Innsbruck-Wien-Bozen.

Eberstaller, J., Haidvogl, G., Seebacher, F., Pinka, P., Gabriel, H., Fraiss B.& Kusebauch, G.. 2004: Raumordnung und Hochwasserschutz am Beispiel der Traisen – Siedlungsentwicklung und Schadensanalyse. Projekt im Rahmen des Forschungsprogramms “Floodrisk”. Finanziert durch das Amt der NÖ Landesregierung, Gruppe Wasser. Unveröffentlichter Projektbericht. Wien.

Fraiss, B. 2004: Siedlungsentwicklung im potentiellen HQ100- und HQ300-Überflutungsraum der Traisen und deren flussmorphologische Auswirkungen. Diplomarbeit, Universität für Bodenkultur. Wien.

Haidvogl, G. 2008: Von der Flusslandschaft zum Fließgewässer. Die Entwicklung ausgewählter österreichischer Flüsse im 19. und 20. Jahrhundert mit besonderer Berücksichtigung der Kolonisierung des Überflutungsraums. Dissertation. Universität Wien.

Koppe, W. 2003: Flusssysteme, die Wasserführung in Flüssen und die Eingriffe des Menschen in die Flusslandschaften (online), https://www.klett.de/alias/1017913 abgerufen am:15.06.2015

Muhar S., Poppe M., Egger G., Schmutz S. & Melcher A. 2004: Flusslandschaften Österreichs. Ausweisung von Flusslandschaften anhand des Naturraums, der Fischfauna und der Auenvegetation. Wien