Was? & Wie? Identifikation, Wahrnehmung & Bewertung von ÖSL in Flusslandschaften

Im Zuge der Workshops mit dem thematischen Schwerpunkt „Ökosystemleistungen“ sollten SchülerInnen einen Einblick in die verschiedenen Funktionen und Nutzungsformen von Fließgewässern, insbesondere der Traisen erhalten. Der Fokus wurde dabei auf ökologische (z.B. Lebensraum, Schadstoffreduktion) und kulturelle Leistungen (z.B. Bewegung, Naturerlebnis) gelegt. Nach ersten inhaltlichen Workshops, in denen die SchülerInnen in die Thematik einsteigen konnten ging es in den folgenden Einheiten darum, herauszufinden, wie sie Ökosystemleistungen alleine auf Basis digitaler Karten (Google Earth) wahrnehmen und ob bzw. wie sich diese Einschätzung von den Ergebnissen der Feldkartierungen an der Traisen unterscheidet. Diese Untersuchungen wurden auf ausgewählten „Hotspots“ an der Traisen durchgeführt.

Auswahl der Hotspots

Hotspotbereiche an der Traisen

Hotspotbereiche an der Traisen

In einem ersten Schritt wurden Experteninterviews (mit Mitarbeitern eines gewässerökologischen Planungsbüros sowie der Abteilung für Wasserwirtschaft Land NÖ) durchgeführt. Dabei wurden Fragen zu aktuellen Problemen, Revitalisierungsmaßnahmen sowie zukünftigen Maßnahmen an der Traisen gestellt. Außerdem wurden die SchülerInnen bei den ersten Wissenstests sowie ihre Angehörigen im ersten Fragebogendurchlauf nach ihren Gebietskenntnissen im Traisen Einzugsgebiet gefragt. Mit Hilfe der Experteninformationen und den Antworten der SchülerInnen und ihren Angehörigen wurden in weiterer Folge zwei Hotspots, ein Abschnitt in St. Pölten, ein zweiter im Unterlauf im Bereich des Projektgebietes von Life+ Traisen, ausgewählt. St. Pölten wurde als Hotspot gewählt, weil es einerseits der am besten bekannte Abschnitt im EZG der Traisen, andererseits jedoch einer der am stärksten degradierten Bereiche der Traisen ist. Der Mündungsbereich hingegen ist nur wenig bekannt, beinhaltet aber die letzte verbleibende größere, naturnahe Auenlandschaft im Untersuchungsgebiet, sowie das derzeit größte EU-Life+-Projekt Österreichs.

Wahrnehmung der digitalen vs. realen Flusslandschaft

Um Unterschiede in der Wahrnehmung der SchülerInnen zwischen digitaler und realer Flusslandschaft zu erkennen, kartierten die SchülerInnen Ökosystemleistungen an zwei Abschnitte der Traisen, zuerst digital mittels der Open Source Software „Google-Earth“, später analog im Feld. Bei der Google-Earth Kartierung kartierten die Jugendlichen in Zweiergruppen kulturelle Ökosystemleistungen, ökologische Basisleistungen und Belastungen. Bei der Freilandkartierung wurden die SchülerInnen in Gruppen von drei bis fünf Personen eingeteilt, so kartierten sie jeweils nur einen Themenblock, entweder Freizeitnutzung, Belastungen, Vegetation oder aquatische Habitate.

Vergleich von digitaler (links) und analoger (rechts) Kartierung

Vergleich von digitaler (links) und analoger (rechts) Kartierung

Die Ergebnisse der beiden Kartierungen wurden von zwei SchülerInnen im Rahmen eines Praktikums analysiert. Die Jugendlichen zeichneten bei der digitalen Kartierung vor allem größere Flächen und lange lineare Elemente ein, während bei der analogen Kartierung vor Ort detailliertere Strukturen erfasst wurden. Ein weiterer Unterschied zeigte sich hinsichtlich der kartierten Ökosystemleistungen. Bei der digitalen Kartierung legten viele der Kleingruppen ihren Fokus auf kulturelle Ökosystemleistungen. Dabei kartierten sie oft Fuß- und Radwege (Linien), Angelplätze, Bootsanlegestellen oder Treffpunkte (Punkte).  Flächige Elemente wurden weniger oft registriert, hierbei fanden noch am ehesten Badeplätze Beachtung.

Ökologische Basisleistungen wurden von den Jugendlichen seltener wahrgenommen. Wenn Lebensraum für Tiere und Pflanzen, die Artenvielfalt oder Flächen für den natürlichen Hochwasserschutz kartiert wurden, waren die Ausweisungen teilweise nicht nachvollziehbar oder ungenau.

Bei der Kartierung der Belastungen konzentrierten sich die meisten SchülerInnen auf  Querbauwerke. Flächige Belastungen wie Siedlungen oder Landwirtschaft wurden oft nur fragmentarisch eingezeichnet.

Zusammengefasste Ergebnisse AP 2

Wesentliches Ziel von AP 2 war es, verfügbare Geodaten auf Einzugsgebietsebene in Kombination mit subjektiven Wahrnehmungen und Bewertungen der BewohnerInnen für die Bewertung von ÖSL und-funktionen der Flusslandschaft Traisen heran zu ziehen.
Im Rahmen der ersten Forschungsfrage wurde die Verfügbarkeit von Geodaten zur Analyse von ÖSL erhoben. So erwiesen sich die Datensätze der Open Street Map OSM als sehr umfangreich und als gute Basis für die großräumige Identifizierung bestimmter Funktionen bzw. als hilfreiche Ergänzung zu offiziellen Datensätzen der Verwaltung. Die Riparian Zones Landnutzungsdaten zeigten über 33 Landnutzungs-Klassen im Traisen-EZG und lieferten eine wertvolle Basis sowohl zur Einschätzung des Hochwasserschutzpotentials als auch für die Identifizierung von ökologischen ÖSL auf EZG-Ebene. Für detaillierte und kleinräumige Betrachtungen sind jedoch trotz der Fülle an verfügbaren Daten Kartierungen oder Befragungen der lokalen Bevölkerung unerlässlich, da einige Elemente nicht in den Geodatensätzen vorhanden sind, bzw. die Vollständigkeit der in den Datensätzen ausgewiesenen Elemente nicht gewährleistet ist. (z.B. Infotafeln, tatsächliche Zugänglichkeit des Flussufers, Betretungsverbote, Bade- und Angelplätze, etc.).
Bezüglich der Wahrnehmung der Flusslandschaft von Jugendlichen zeigten sich deutliche Unterschiede zwischen der digitalen Identifizierung und den realen Kartierungen vor Ort. Die SchülerInnen legten bei der ersten, digitalen Kartierung ihren Fokus vor allem im Stadtgebiet von St. Pölten klar auf kulturelle Leistungen. Bei den Kartierungen am Aktionstag waren die Ergebnisse differenzierter und ökologische ÖSL wurden verstärkt wahrgenommen.
Im Zuge der Identifizierung von relevanten ÖSL für die BewohnerInnen wurden Befragungen durchgeführt. Die Ergebnisse der Befragungen zeigten eine hohe Bedeutung kultureller und ökologischer Leistungen für die SchülerInnen und ihre Angehörigen. Besonders der Fokus auf kulturelle ÖSL wie die Möglichkeit zur Bewegung, Ruhe und Erholung steht im starken Widerspruch zur Berücksichtigung dieser Leistungen in der Praxis (Schaich et al. 2010; Daniel et al. 2012). Dieses Ergebnis unterstreicht somit die Bedeutung der Einbindung der lokalen Bevölkerung ins Flusslandschaftsmanagement. Als (Erholungs-)NutzerInnen der Flusslandschaft kann ihre Sichtweise dazu beitragen, die Rolle von kulturellen Leistungen beim Management der Interaktionen zwischen Mensch und Umwelt, sowie bei der Erreichung öffentlicher Unterstützung für den Schutz von Ökosystemen (Daniel et al. 2012) zu unterstreichen.
Hinsichtlich der ökologischen Leistungen ergab sich im Rahmen der Befragungen der Hochwasserschutz als eine jener Funktionen der Flusslandschaft Traisen, die als besonders wichtig angesehen wurde. So wurde „Schutz vor Hochwasser“ bei den Befragungen der Schüler und Angehörigen als wichtige (Median 2) und bei den lokalen Befragungen in St. Pölten und Traismauer als sehr wichtige (Median 1) Funktion gewertet.
Bei der Bewertung der ausgewählten ÖSL stand ein kombinierter Zugang aus subjektiven Wertungen der Bevölkerung (Erholungsfunktion) als auch aus ExpertInnen-einschätzungen und Landscape metrics (Hochwasserrückhaltepotential), im Vordergrund.

Abbildung AP2

Bewertung der Erholungsfunktion (links) und 2 Erholungs-Hotspots in St. Pölten (rechts oben) und Türnitz (rechts unten). Die Lage der Hotspots im EZG Traisen ist in der linken Karte markiert (graue Kästen). In den rechten Karten wurde die Bewertung mit dem Störfaktor Verkehrslärm überlagert.

Die Bewertung der Erholungsfunktion auf Basis subjektiver Einschätzung der Bevölkerung gibt einen guten Überblick über das Potential für Freizeitnutzung innerhalb der Flusslandschaft Traisen. Die Flächen direkt am Flusslauf der Traisen weisen mit meist 4 bis 5 Elementen pro Hexagon ein durchschnittliches Potential für die Freizeitnutzung auf. Mit zunehmender Distanz zum Hauptfluss nimmt die Anzahl der gefundenen Elemente innerhalb eines Hexagons ab. Diese Flächen mit 0 bis 3 Elementen umfassen den größten Teil der untersuchten Hexagonflächen im Untersuchungsgebiet (57%) und eignen sich in geringerem Ausmaß für Erholungsnutzung. „Hotspots für die Freizeitnutzung“ befinden sich an Flussabschnitten, wo zu den relativ häufig auffindbaren Elementen „gute Wasserqualität“, Bäume entlang des Ufers“, „Auwaldbereiche“ und „Wiesenflächen“ eine gute infrastrukturelle Ausstattung („Sitzbänke“, „Mistkübel“, „Bademöglichkeiten“, „gute Erreichbarkeit“) und/oder naturnahe Ausprägung („unregulierter Fluss“) des Abschnitts hinzukommt. Die Analyse des einzigen relevanten, durch Geodaten darstellbaren Störfaktors „Verkehrslärm“ ergab eine teilweise Zerschneidung des „Erholungshotspots“ im Stadtbereich von St. Pölten, hatte aber keinen erkennbaren Einfluss im Hotspot Türnitz.

gewichtetes Hochwasserschutzpotential je Detailwasserkörper im EZG der Traisen

gewichtetes Hochwasserschutzpotential je Detailwasserkörper im EZG der Traisen

Die Grundbewertung des Hochwasserschutzpotentials der Landschaft mittels der expertInnen-basierten Bewertung des Retentionspotentials vorhandener Landnutzungen erwies sich als gute Grundlage für eine Überblicksbewertung der Flusslandschaft Traisen. Durch die teils großflächige intensive Nutzung des Talbodens weist die Landschaft im EZG der Traisen erst im Mündungsbereich ein gutes Rückhaltepotential auf. Alle weiteren Flächen haben nur ein mäßiges bis geringes Potential (Werte 3,09 bis 3,92). Trotz der vergleichsweise großflächigen Gehölzstrukturen ab St. Pölten flussabwärts ist also auch hier das Rückhaltepotential der Flächen im Talboden bestenfalls mäßig, da in diesem Abschnitt parallel dazu eine Vielzahl an Agrar- und Siedlungsflächen, bis hin zu komplett versiegelten Flächen existiert, wodurch der positive Effekt wieder teils aufgehoben bzw. stark vermindert wird.
Im Rahmen von Traisen.w³ wurden für die Endbewertung ausschließlich die Wasserkörperflächen betrachtet – ein potentieller Kumulationseffekt von mehreren aneinandergrenzenden Flächen mit gutem bzw. schlechtem Potential wurde hier noch nicht berücksichtigt.
Die Analyse von Landcape metrics in Bezug auf das Hochwasserschutzpotential brachte interessante Ergebnisse. Setzt man die Flächenbewertung in Bezug zur räumlichen Struktur der Einzelflächen, so ergaben sich insbesondere Unterschiede hinsichtlich der Randlinienlänge und der Komplexität der Flächen. Flächen mit sehr hohem Potential haben tendenziell kürzere Randlinien und Flächen mit gutem, aber auch mit keinem Schutzpotential haben vergleichsweise lange Randlinien bei großen Spannweiten. Eine Maßzahl, die zwischen besonders vielen Bewertungsklassen unterscheiden konnte, war der „Mean Shape Index“(MSI) – ein Maß für die Abweichung der Flächenform in Bezug auf eine Standardform mit derselben Fläche. Je kompakter die Fläche umso niedriger der Wert (Minimum = 1) und je irregulärer die Form, umso höher ist der Wert. Als Komplexitätsmaß ist der MSI dem Metric MPAR („Mean Perimeter Area Ratio“) zu bevorzugen, da zweiterer stark von der Flächengröße beeinflusst wird (McGargial 2015). So sind im Untersuchungsgebiet Flächen mit geringem Hochwasserschutzpotential besonders kompakt, gefolgt von Flächen mit mäßiger und sehr guter Bewertung. Flächen mit gutem Potential weisen eine weit irregulärere Form auf als jene mit sehr gutem und Flächen ohne Potential haben tendenziell die höchsten Werte (hier sind auch eine Vielzahl langgezogener Flächen, wie Straßen inkludiert).

Literatur:

Daniel TC, Muhar A, Arnberger A, et al (2012) Contributions of cultural services to the ecosystem services agenda. Proc Natl Acad Sci 109:8812–8819. doi: 10.1073/pnas.1114773109

McGargial K (2015) Fragstats Help. University of Massachusetts, Amherst

Schaich H, Biding C, Plieninger T (2010) Linking ecosystem services with cultural landscape research. GAIA 19:269–277.